"Kunst als Ort der Demokratie"
oder Eine Verfassung visualisieren
mit Jochen Gerz, Konzeptkünstler, Irland, und Prof. Dr. Hermann Pfütze, Soziologe, Berlin
Pressemitteilung zur Veranstaltung (pdf-Datei)
"Das Recht liegt immer vor uns. Auch die Demokratie liegt noch vor uns." - Der Konzeptkünstler Jochen Gerz beim Abschluss von "nachgedacht. 60 Jahre Grundgesetz" in Hamburg
Der Konzeptkünstler Jochen Gerz bekannte am fünften und letzten Abend von "nachgedacht. 60 Jahre Grundgesetz" seinen Stolz, in der Demokratie beauftragt zu werden. Künstlerische Arbeiten wie der "Platz der Grundrechte Karlsruhe" gründeten nicht allein auf seine Idee, vielmehr fordere er die Eigenkreativität der anderen ein. Die Öffentlichkeit sei Bestandteil seiner Arbeiten im öffentlichen Raum, auch um das Mitwirken vieler Menschen zu verdeutlichen. "Im Gegensatz zum Ereignis, zum Event geht es mir um das Erlebnis, das Mitwirken", betonte Gerz.
Die in Karlsruhe errichteten Tafeln tragen Stellungnahmen zum Recht, wie sie Häftlinge und andere Bürger gegenüber dem Künstler äußerten. Im städtischen Raum treffen also Rechtsauffassungen vor höchst unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungshorizonten aufeinander. "Ich will keine retrospektive Betrachtung des Rechts, denn das Recht liegt immer vor uns. Auch die Demokratie liegt noch vor uns."
Kunst und Demokratie hätten eines gemeinsam - sie seien angstfrei, so Hermann Pfütze. Im Gespräch Gerz' mit dem Berliner Soziologen und dem Publikum im Moot Court der Bucerius Law School wurde deutlich, dass die Unteilbarkeit des Menschseins im geglückten Kunstwerk eben auch als ästhetische Erfahrung erlebbar wird: Kunst-Kennzeichen einer demokratischen Verfassung ist antimonumental - wie Jochen Gerz' intellektuell anregendes, berührendes Werk in Karlsruhe."
Jochen Gerz, geboren 1940, ist bildender Künstler und Lyriker. Er studierte in Köln Germanistik, Anglistik, Sinologie und später in Basel Archäologie und Urgeschichte. Gerz gilt als wichtiger Vertreter der Prozesskunst. In seinen Werken verbindet er hauptsächlich die Medien Fotografie, Video, Künstlerbuch, Skulptur bzw. Plastik und Performance. Im Vordergrund steht bei ihm nicht das Ergebnis, sondern der Entstehungsprozess des Kunstwerks. Als Konzeptkünstler bezieht Gerz seit 1968 die Öffentlichkeit in sein künstlerisches Werk ein. Nach den medienkritischen fotografischen Werkzyklen und Installationen, die in zahlreichen europäischen und amerikanischen Museen gezeigt wurden, hinterfragen die Autorenprojekte im öffentlichen Raum seit den 1980er Jahren den Betrachter in seiner traditionell passiven Rolle. Zu seinen antimonuments zum Thema von Erinnerung und Verdrängung der Shoah gehört das Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt – für Frieden und Menschenrechte, das 1986 in Hamburg-Harburg errichtet und – mit den Unterschriften der Besucher versehen – nach und nach in den Boden gesenkt wurde. Auch sein Platz der Grundrechte in Karlsruhe beruht auf Gesprächen mit Bürgern. Gerz arbeitet derzeit am Projekt 2-3 Straßen im Kontext von Ruhr.2010 Kulturhauptstadt Europas.
Prof. Dr. Hermann Pfütze, geboren 1941, war Professor für Soziologie an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. Er studierte Philosophie, Soziologie und Religionswissenschaft in Berlin, Tübingen und Münster und war jahrelang Vorsitzender der Auswahlkommission (Fachhochschulen) des Joachim-Tiburtius-Preises für herausragende Diplomarbeiten. Pfütze ist Autor von Form, Ursprung und Gegenwart der Kunst; außerdem verfasste er zahlreiche Aufsätze zur Soziologie, Sozialarbeit und Kunst, wie Der Auftrag – oder wie entsteht Kunstbedarf? (in: Jochen Gerz, Platz der Grundrechte Karlsruhe – Ein Autorenprojekt), und schrieb Kunstkritiken und Essays, wie Von Adorno zu Beuys im Kunstforum international. Von 1999 bis 2002 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik e.V.