Weimar, Bonn, Berlin
Zum historischen Ort des Grundgesetzes
Pressemitteilung zur Veranstaltung (pdf-Datei)
Aufzeichnung der Veranstaltung und Berichterstattung von NDRInfo in der Sendereihe "Das Forum", ausgestrahlt am 25.3.2009 (Autorin: Daniela Remus, Redaktion: Susanne Gommert).
„Bonn wurde auch deswegen nicht Weimar, weil es Weimar gegeben hat“
Der Historiker Heinrich August Winkler sprach zum Auftakt der Reihe „nachgedacht. 60 Jahre Grundgesetz“ im voll besetzten Moot Court der Bucerius Law School in Hamburg über „Weimar, Bonn, Berlin – zum historischen Ort des Grundgesetzes“ und diskutierte anschließend mit Spiegel-Redakteur Klaus Wiegrefe.
Winkler, mit Standardwerken wie Der lange Weg nach Westen und der These vom Deutschen Sonderweg einer der bekanntesten deutschen Historiker, ist ein herausragender Kenner der Weimarer Zeit. „Bonn wurde auch deswegen nicht Weimar, weil es Weimar gegeben hat“, diagnostizierte Winkler, denn die Weimarer Verfassung sei mitentscheidend gewesen für das Scheitern der Weimarer Republik. Deutschland hatte zwar früh ein demokratisches Wahlrecht, doch fehlte ein parlamentarisches Regierungssystem. Über diese Ungleichzeitigkeit hinaus fielen 1918 Niederlage und Parlamentarisierung zusammen, was die erste deutsche Demokratie von Anbeginn belastete. So wurde die Weimarer Verfassung hingenommen, aber nicht angenommen.
Winkler bezeichnete das Grundgesetz als „freiheitlichste und zugleich funktionstüchtigste Verfassung der deutschen Geschichte.“ Mit den unveräußerlichen Grundwerten und den Freiheit sichernden Institutionen spiegele es das Scheitern der Weimarer Verfassung: „Die Weimarer Erfahrungen schlugen sich in Bindungen des Gesetzgebers und Einschränkungen des Wählerwillens nieder, wie es sie wohl in keiner anderen demokratischen Verfassung gibt.“ Die meisten Bürger verbinden mit dem Grundgesetz beides, Demokratie und wachsenden Wohlstand. Nun wird die aktuelle Wirtschaftskrise erweisen, wie stark die Fundamente der Verfassung sind.
Prof. Dr. Heinrich August Winkler, geboren 1938, studierte in Münster, Heidelberg und Tübingen. 1963 promoviert, habilitierte er sich sieben Jahre später in den Fächern Neuere Geschichte und Wissenschaftliche Politik. Als Professor für Neuere und Neueste Geschichte wirkte er an der Freien Universität Berlin, der Universität Freiburg im Br. und von 1991 bis 2007 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Winklers Forschungsschwerpunkte liegen in den Feldern Liberalismus, Nationalismus, Sozialismus, Faschismus, Geschichte der Arbeiterbewegung und der Weimarer Republik. Er hat über 200 Aufsätze und 150 Beiträge in Tages- und Wochenzeitungen verfasst, außerdem zahlreiche Monographien, darunter im Jahr 2000 das zweibändige Werk Der lange Weg nach Westen, das seitdem in verschiedenen Auflagen erschienen ist und mehrfach ausgezeichnet wurde.
Dr. Klaus Wiegrefe, geboren 1965, Geschichtsstudium in Hamburg, Berlin, Leningrad und Bologna. Seit 1997 ist er Redakteur im Politikressort des SPIEGEL und dort für den Bereich Zeitgeschichte zuständig. 2005 veröffentlichte der Winkler-Schüler seine Dissertation Das Zerwürfnis. Helmut Schmidt, Jimmy Carter und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Daneben hat Wiegrefe zahlreiche historische Publikationen herausgegeben, u. a. über die Geschichte Preußens, den Ersten und Zweiten Weltkrieg und die 1950er Jahre.